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Die eine sammelt Erfahrung, die andere Medaillen – Positive Paralympics-Bilanz aus „Jugend trainiert“-Sicht

Johanna Recktenwald (20) und Leonie Walter (18) feierten in Peking ihr Paralympics-Debüt und schlugen damit ein neues Kapitel in der Geschichte des Schulsportwettbewerbs Jugend trainiert für Olympia & Paralympics auf. Recktenwald und Walter sind die ersten Wintersportlerinnen, die den Sprung von „Jugend trainiert“ zu den Paralympics geschafft haben. Dort hat die eine alle Erwartungen erfüllt, die andere diese ein ums andere Mal übertroffen. Wir blicken auf zehn ereignisreiche Tage bei den XIII. Paralympischen Winterspielen zurück und beginnen mit dem Ende.

Von Kai Gemeinder

Bei der Abschlussfeier der Winter-Paralympics 2022 wurde Leonie Walter die Ehre zuteil, die deutsche Fahne ins Pekinger Nationalstadion tragen zu dürfen. Leonie selbst nahm dies in der ihr eigenen Gelassenheit zur Kenntnis. Sie fand es schlichtweg „schön“, auserwählt worden zu sein. „Es haben hier schließlich auch andere tolle Leistungen gezeigt“, betonte sie. Ihr Guide Pirmin Strecker sprach von einer „besonderen Ehre“ und einer „unglaublichen Belohnung“.

Die Nominierung hatten sich Leonie und ihr Begleitläufer deshalb verdient, weil das Duo im Para Biathlon und Para Langlauf vier Medaillen gewonnen hatte – dreimal Bronze (Biathlon 6 km, Biathlon 12,5 km, Langlauf 15 km) und einmal Gold (Biathlon 10 km). Hinzu kamen ein vierter Platz im Langlauf Sprint und Rang fünf mit der Langlauf Mixed Staffel.

Vier Medaillen bei sechs Einsätzen – das ist eine Erfolgsbilanz, mit der beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) niemand gerechnet hatte. Über Leonie und die erst 15-jährige Linn Kazmaier, die mit fünf gewonnenen Medaillen sogar noch erfolgreicher war als ihre 18-jährige Teamgefährtin, geriet DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher ins Schwärmen. Beide hätten „eine sensationelle Geschichte geschrieben“, sagte er. „Sie sollten nur Erfahrungen sammeln. Und dann sammeln sie gleich Erfahrung beim Medaillenabgreifen.“

Leonie selbst schien sich ihrer Stärke da schon eher bewusst gewesen zu sein. So jedenfalls kann man ihre Äußerungen vor und während den Paralympics verstehen. Im Vorfeld der Spiele erklärte die Schwarzwälderin im Interview: „Wenn was nach vorne von den Plätzen her geht, hab ich da nix dagegen. Ich geb mein Bestes und dann werden wir sehen, was dabei rauskommt.“ Understatement klingt anders. Und als sie gleich am ersten Wettkampftag Bronze gewann, schrieb sie auf Instagram: „Da is das Ding!!!!!!“ Mit den gleichen Worten kommentierte sie wenige Tage später auch ihren Gold-Coup über die Mitteldistanz im Para Biathlon. Kein „da hätte ich nie mit gerechnet“ oder „mir fehlen die Worte“, sondern einfach nur: „Da is das Ding“, allerdings ohne Ausrufezeichen diesmal. Wozu auch? Die hatte sie ja schließlich schon im Rennen gesetzt. Ein fehlerfreies Schießen mit 20 Treffern war die Basis, hinzu kam eine überragende Laufleistung. In einem Herzschlagfinale lag die 18-Jährige im Ziel 3,7 Sekunden vor der favorisierten Ukrainerin Oksana Shyshkova.

Das gesunde Selbstbewusstsein hat sich Leonie vom SC St. Peter in den letzten Jahren nicht zuletzt bei den Winterfinals von „Jugend trainiert“ erarbeitet. Seit 2013 finden beim Schulsportwettbewerb paralympische Wettkämpfe für sehbeeinträchtigte Nachwuchstalente statt. Zwischen 2015 und 2019 gewann die Schülerin mit einem Sehrest von etwa drei Prozent mit der Staatl. Schule für Sehbehinderte St. Michael Waldkirch einmal Silber sowie viermal Gold und avancierte zur erfolgreichsten „Jugend trainiert“-Teilnehmerin aller Zeiten. Jetzt könnte die junge Sportlerin selbst zum Vorbild für andere werden. Auch DBS-Präsident Beucher hofft mit Blick auf die Youngster Kazmaier und Walter, „dass sie eine Leuchtkraft entwickeln, die uns hilft, Nachwuchs zu generieren."

Auch Johanna Recktenwald kann mit ihrer Paralympics-Premiere zufrieden sein

Anders als Leonie Walter reist Johanna Recktenwald zwar ohne Edelmetall aus China zurück nach Deutschland. Dennoch fällt ihre Bilanz zurecht positiv aus. Im „Team Deutschland Paralympics“ Podcast ließ sie am Tag vor der Abschlussfeier ihre ersten Winterspiele noch einmal Revue passieren. „Ich finde, dass wir eine richtig coole Zeit hier hatten“, resümiert die Wahl-Freiburgerin. Mit der Teilnahme an den Paralympics sei ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Anfangs habe sie Probleme gehabt reinzukommen, sich zu akklimatisieren. Das sei dann aber von Wettkampf zu Wettkampf besser geworden.

Nach Platz sieben beim ersten Start über die 6 km im Biathlon wurde Recktenwald, deren Sehvermögen ebenfalls bei etwa drei Prozent liegt, mit ihrem Begleitläufer Valentin Haag Fünfte im Langlauf Sprint sowie zweimal Vierte über die 10 km und 12,5 km Biathlon-Distanz. Am Schlusstag kam dann in der Offenen Langlauf Staffel noch ein 8. Platz hinzu.

Als Ziel hatte sie im SR-Fernsehen vor der Abreise nach Peking erklärt, sie wolle ganz viele Erfahrungen sammeln und Eindrücke mitnehmen. Platzierungen seien bei ihrer ersten Paralympics-Teilnahme zweitrangig. Die reflektierte Saarländerin, die vor gerade einmal sechs Jahren beim Winterfinale von Jugend trainiert für Olympia & Paralympics erstmals im Leben auf Langlaufskiern stand, wusste ihr eigenes Leistungsvermögen realistisch einzuschätzen. Im Podcast merkte sie nun an, sie sei einfach noch in einem Lernprozess und die Trainingsjüngste, wie der Bundestrainer immer sage. Deshalb hofft Recktenwald, dass die Paralympics 2022 ein erster Schritt waren für „noch weitere gute Jahre“.

Eine geschichtsträchtige Leistung hat die 20-Jährige aus Marpingen aber jetzt schon vollbracht: Sie ist die erste Sportlerin aus dem Saarland, die an Olympischen oder Paralympischen Winterspielen teilgenommen hat. Und mit Leonie Walter auch die erste, der der Sprung von „Jugend trainiert“ zu den Paralympics gelungen ist.

Mehr Informationen zum Werdegang der beiden ehemaligen „Jugend trainiert"-Talente befinden sich hier.

Leonie Walter und Pirmin Strecker gewinnen in Peking Paralympics-Gold im Biathlon © Instagram Oliver Kremer/DBS

Außerdem gewann das Duo dreimal Bronze und durfte deshalb die deutsche Fahne bei der Abschlussfeier ins Pekinger "Vogelnest" tragen. © Instagram Oliver Kremer/DBS

Als Leonie Walter mit der Staatl. Schule für Sehbehinderte St. Michael Waldkirch 2016 beim Winterfinale von "Jugend trainiert" erstmals den Titel gewann, hätte mit dieser rasanten Entwicklung wohl niemand gerechnet. © DSSS/sampics

Vier Titel hat Leonie Walter zwischen 2016 und 2019 beim Winterfinale von "Jugend trainiert" gewonnen (hier 2018). Damit ist sie die erfolgreichste Teilnehmerin in der Geschichte des Wettbewerbs. © DSSS/sampics

Auch Johanna Recktenwald und ihr Guide Valentin Haag haben eine "Jugend trainiert"-Vergangenheit und können mit ihrer Paralympics-Premiere zufrieden sein. © Instagram Oliver Kremer/Johanna Recktenwald

In den Einzelrennen wurden sie in Peking zweimal Vierte sowie einmal Fünfte und Siebte. Ein starker Einstand bei den Paralympics, wenn man bedenkt, dass Johanna Recktenwald 2016 erstmals auf Langlaufskiern stand. © Instagram Oliver Kremer/Johanna Recktenwald

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