Von Kai Gemeinder
Zugegeben: Anders als im Fall Johanna Recktenwalds, deren Talent vor zehn Jahren beim Winterfinale in Schonach entdeckt wurde, ist der „Jugend trainiert“-Einfluss auf die Sportkarriere von Linn Kazmaier vergleichsweise gering. 2017 nahm die zehnjährige Linn in der Para Leichtathletik an einem Bundesfinale von Jugend trainiert für Olympia & Paralympics teil. Ihre sportliche Leistungsfähigkeit blitzte damals insbesondere in den Laufdisziplinen und im Weitsprung auf. Drei Jahre später hätte das Mädchen mit den schnellen Beinen im Rahmen des Schulsportwettbewerbs eigentlich die Turnschuhe gegen Langlaufski eintauschen sollen. Dazu kam es jedoch nicht, weil die Para Ski nordisch Wettbewerbe beim Winterfinale 2020 Orkantief Sabine zum Opfer fielen.
Im Jahr darauf waren coronabedingt gar keine schulsportlichen Wettbewerbe möglich und 2022 war Linn Kazmaier mit gerade einmal 15 Jahren bereits so gut, dass ihr auch ohne „Jugend trainiert“ der Sprung zu den Paralympics gelang. Und wie: Bei den Winterspielen in Peking gewann sie fünfmal Edelmetall, darunter Gold in der Langlauf-Mitteldistanz.
Bei den Paralympics 2026 kamen für die Sportlerin der SZ Römerstein und ihren langjährigen Guide Florian Baumann nun die Medaillen sechs und sieben hinzu: Silber im Langlauf-Sprint und Silber in der offenen Staffel an der Seite von Theo Bold (mit Guide Jakob Bold), Sebastian Marburger und Marco Maier.
Für Johanna Recktenwald geht ein Traum in Erfüllung
Zum ersten Mal über eine paralympische Medaille freuen durfte sich hingegen Johanna Recktenwald. Im Biathlon-Einzel der Frauen mit Sehbehinderung legte die 24-Jährige mit einem fehlerfreien Schießen die Grundlage für Platz drei. Nach dem Bronze-Rennen blickte die amtierende Weltmeisterin im Para Biathlon-Einzel mit zittriger Stimme zurück auf die vorherigen Paralympics vor vier Jahren und die damals knapp verpassten Medaillen: „Peking war eine super harte Zeit, auch danach noch. Dass es jetzt geklappt hat, ist super cool.“
Beim vierten Schießen hatte es die in Freiburg lebende Saarländerin noch einmal spannend gemacht, als sie vor dem allerletzten Schuss einige Sekunden zögerte. „Da ging der Kopf an. Ich habe mir gedacht, dass der jetzt nicht daneben gehen darf. Ich war eigentlich die ganze Zeit im Ziel, habe mich aber nicht getraut abzudrücken. Zum Glück ist es dann gutgegangen.“ Recktenwalds Guide Emily Weiss verriet: „Ich habe sehr gezittert. Als Johanna getroffen hat, wusste ich, jetzt schaffen wir das.“
Auf Instagram schrieb Recktenwald nach dem Gewinn der Bronzemedaille: „So lange habe ich geträumt, trainiert, gehofft, gezweifelt, alles mögliche optimiert, gekämpft und jetzt hat es wirklich geklappt.“ Die Para Sportlerin des Jahres 2025 dankte allen, die an sie geglaubt, sie unterstützt und ihr die Daumen gedrückt hätten und schloss mit den Worten: „Vor allem aber danke ich Emily! Das war volle Girlspower am Weltfrauentag.“
Fundament wurde durch eine Schul-AG und „Jugend trainiert“ gelegt
Als Johanna Recktenwald vor zehn Jahren beim Winterfinale von Jugend trainiert für Olympia & Paralympics zum ersten Mal in ihrem Leben auf Langlaufskiern stand, dachte sie wohl kaum daran, eines Tages bei den Paralympischen Winterspielen auf dem Podest zu stehen. Der Traum von einer Medaille beim wichtigsten paralympischen Wintersportereignis der Welt reifte erst mit der Zeit – und erfüllte sich schließlich in Tesero dank kontinuierlicher harter Arbeit, Durchhaltevermögen und Entschlossenheit.
Die Initialzündung für Johanna Recktenwalds sportliche Laufbahn lieferte ursächlich eine inklusive Schul-AG an der Louis-Braille-Schule Lebach, die von einer engagierten Lehrerin mit dem Ziel geleitet wurde, am „Jugend trainiert“-Winterfinale 2016 in Schonach teilzunehmen. Gäbe es den Schulsportwettbewerb nicht – das Langlauftalent der Sportlerin aus dem schneearmen Saarland wäre aller Voraussicht nach nie zum Vorschein gekommen.
Zufall oder Sytem?
Recktenwald selbst sagte vor zwei Jahren in einem TED-Talk einmal: „Zum Para Sport bin ich eher zufällig gekommen.“ Aus ihrer Perspektive mag das stimmen. Aber eigentlich ist es doch so: Hinter diesem Zufall steckt System. Im Schulsport beginnt, was im Idealfall in den Leistungssport mündet: Die Talentsichtung bei Jugend trainiert für Olympia & Paralympics ist das Ergebnis eines eng verzahnten Systems aus Schule, Wettbewerb und organisiertem Sport. Lehrkräfte entdecken Begabungen im Unterricht oder in Arbeitsgemeinschaften und führen sie über die Schulmannschaften an den Wettkampf heran.
Gerade die Bundesfinals fungieren dabei als Schaufenster: Hier verdichten sich Leistungsstände, hier entstehen Kontakte – und hier werden nicht selten die Weichen für eine leistungssportliche Karriere gestellt. Die eigentliche Entwicklung der Talente gelingt jedoch nur im Zusammenspiel mit den Vereinen und Verbänden. Während die Schule Zugang, Breite und erste Förderung bietet, sichern Vereine die sportartspezifische Ausbildung und die langfristige Perspektive. Wo beide Seiten eng kooperieren, entstehen stabile Übergänge – und aus schulischem Engagement kann nachhaltiger Leistungssport erwachsen.
Um auf Johanna Recktenwald zurückzukommen: Es ist (auch) kein Zufall, dass sie als 14-jährige Schülerin beim Winterfinale in Schonach von Nachwuchsbundestrainer Michael Huhn als Talent identifiziert wurde. Huhn war 2016 – ebenso wie in den meisten Jahren davor und danach – vor Ort, weil er sich des Potenzials, das „Jugend trainiert“ bietet, bewusst ist.
Der Unterschied zwischen Talentsichtung und Talentförderung
Immer wieder finden Spitzensportlerinnen und -sportler in ihrer Schulzeit durch Jugend trainiert für Olympia & Paralympics zur eigenen Sportart und in den Leistungssport. Der Schulsportwettbewerb unterstützt in diesen Fällen den organisierten Sport, indem er Talente ausfindig macht. Es findet Talentsichtung statt – siehe Johanna Recktenwald.
In deutlich größerem Umfang aber ist es so, dass begabte Nachwuchskräfte in ihren jeweiligen Sportarten bereits im Sportsystem erfasst sind, wenn sie erstmals an den „Jugend trainiert“-Wettbewerben teilnehmen. Hier dient der Wettbewerb nicht der Talentsichtung – wohl aber der Talentförderung. Die Bundesfinals ermöglichen einen Leistungsvergleich auf höchstem Niveau und sind für viele das erste Multisportevent auf nationaler Ebene. Ambitionierte Nachwuchsathletinnen und -athleten können sich bei „Jugend trainiert“ weiterentwickeln, wertvolle Wettkampferfahrung sammeln und Motivation schöpfen. Ein Paradebeispiel für diese Gruppe junger Sportlerinnen und Sportler ist Leonie Walter.
Leonie Walter überzeugt erneut und gewinnt dreimal Bronze
Die Baden-Württembergerin nahm zwischen 2015 und 2019 fünfmal an den Bundesfinalveranstaltungen von „Jugend trainiert“ teil, gewann mit der Staatl. Schule für Sehbehinderte St. Michael Waldkirch bei ihrer Premiere Silber und in den Jahren danach viermal in Folge Gold. Walter ist bis heute die erfolgreichste „Jugend trainiert“-Teilnehmerin in der Geschichte des Schulsportwettbewerbs. Selbst ein Laie konnte bereits bei ihrem erstem Auftritt 2015 sehen, welches Ausnahmetalent dort in der Loipe seine Kreise zog. Von Kindheitstagen an verfolgte Walter das Ziel, Medaillen bei Paralympischen Spielen zu gewinnen.
Dieses Ziel erreichte die Para Langläuferin und Para Biathletin vom SC St. Peter bereits bei ihrem Paralympics-Debüt 2022, von dem sie mit einmal Gold und dreimal Bronze zurückkehrte. In Mailand Cortina sammelte die 22-Jährige mit Guide Christian Krasman drei weitere Bronzemedaillen. Es hätte sogar eine vierte Medaille hinzukommen können. Doch Silber im Klassik-Sprint wurde dem Duo Walter/Krasman aufgrund eines technischen Vergehens von Guide Krasman aberkannt.
Beeindruckende Gesamtbilanz der ehemaligen „Jugend trainiert“-Talente
Leonie Walter, Johanna Recktenwald und Linn Kazmaier können auf ihre im Tesero Cross-Country Skiing Stadium gezeigten Leistungen stolz sein. Zu den sechs Podestplätzen bei den Paralympischen Winterspielen Mailand Cortina kommen sieben weitere Top-5-Platzierungen und drei Resultate in den Top-8. Sicherlich profitieren die drei sehbeeinträchtigten Sportlerinnen auch von der Leistungsdichte im eigenen Team und pushen sich gegenseitig zu Höchstleistungen. Man darf gespannt sein, wie die Reise der ehemaligen „Jugend trainiert“-Teilnehmerinnen weitergeht und welche Talente als nächstes den Sprung von „Jugend trainiert“ zu den Paralympics schaffen.

















