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Ein historischer Erfolg, den es beinahe nie gegeben hätte

Zwei Schulteams aus Berlin und Leipzig haben bei der ISF Handball-Schulweltmeisterschaft, die vom 27.11. bis 04.12.2021 im serbischen Belgrad stattfand, beide Titel gewonnen. Doppelgold – das gab es für Deutschlands Handballnachwuchs noch nie. Verantwortlich für den Erfolg waren die Jungen des Schul- und Leistungsportzentrums Berlin und die Mädchen des Landesgymnasiums für Sport Leipzig. Es war ein Erfolg, der den Jungen und Mädchen um ein Haar verwehrt geblieben wäre. Denn aus nachvollziehbaren Gründen war bis zum Tag vor Turnierbeginn unklar, ob die deutsche Delegation überhaupt zum Turnier reisen würde.

Von Kai Gemeinder

Als „emotionale Achterbahn“ bezeichnete Leipzigs Sportlehrer und Trainer Max Berthold die Woche vor dem WM-Turnier. Dienstags fand im Beisein des Schulleiters und eines Vertreters aus dem Kultusministerium noch die Einkleidung statt, bei der den Mädchen viel Erfolg für das anstehende WM-Turnier gewünscht wurde. Tags darauf musste der Trainer seinen Spielerinnen erklären, dass die Reise sowohl für sie als auch die Berliner Mannschaft aufgrund der aktuellen Coronaschutzverordnungen in beiden Ländern abgesagt worden sei. Flüge wurden storniert, Anmeldungen zurückgezogen, der Traum einer WM-Teilnahme, auf die manche aufgrund einer zweimaligen Verschiebung des Turniers zweieinhalb Jahre gewartet hatten, schien geplatzt zu sein. „Die Stimmung bei den Mädchen war natürlich am Tiefpunkt“, erinnert sich Berthold. 

Nicht zuletzt, weil es sich bei den Mädchen und Jungen um Kaderathletinnen und -athleten zweier Eliteschulen des Sports handelte, die auch in ihren Vereinen, bei den Berliner Füchsen bzw. dem HC Leipzig, bis dato am laufenden Spielbetrieb teilgenommen hatten, wurde zwei Tage später in einer abermaligen Abwägung der Lage entschieden, den beiden Schulteams unter strenger Einhaltung von Hygienevorschriften doch die Fahrt nach Serbien zu erlauben. 

„Jede Weltmeisterschaft ist etwas Besonderes und für die Entwicklung von jungen Menschen unbezahlbar“, sagt Bob Hanning, der sich als Trainer zum fünften Mal in Folge mit einer Berliner Schulmannschaft über den Bundessieg bei Jugend trainiert für Olympia & Paralympics für die Schulweltmeisterschaft im Handball qualifiziert und in den vier Auflagen zuvor mit seinen Teams einmal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze gewonnen hatte. Er sei froh und dankbar gewesen, dass es in einer gemeinsamen Kraftanstrengung gelungen sei, den Jugendlichen die Fahrt zur WM zu ermöglichen.

Innerhalb von 24 Stunden mussten wieder Flüge und Hotels gebucht, die Reise organsiert, PCR-Tests gemacht und eine erneute Anmeldung bei der International School Sport Federation (ISF) eingereicht werden. Nachdem die Formalitäten geklärt waren, traten die beiden Schulteams ihre Reise an. Neun Tage später kehrten sie mit zwei Weltmeistertiteln zurück.

Zehn Spiele, neun Siege, ein Unentschieden und zwei WM-Titel – das ist die herausragende Bilanz der deutschen Teams bei der Schul-WM

Im Rückblick betrachtet verliefen die Turniere für das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin und das Landesgymnasium für Sport Leipzig beinahe im Gleichschritt. Je zwölf Mannschaften nahmen in vier Dreiergruppen an der Schul-WM der Jahrgänge 2003 bis 2005 teil. Nach Aussage beider Trainer trafen Berlin und Leipzig jeweils gleich im ersten Gruppenspiel auf ihre stärksten Gegner, denen sie nach überstandener Vorrunde als Gruppensieger und leichten Siegen in den Viertelfinals jeweils im Halbfinale erneut begegneten. Der Erfolg dort sei der entscheidende Schritt zum Titel gewesen, so Hanning und Berthold. 

Berlins Weg zum Titel

Das SLZB bekam es zum Auftakt mit der Auswahl Ägyptens zu tun. In dem afrikanischen Land spielen die besten Nachwuchstalente alle zentral an einem Ort, gehen auf dieselbe Schule. Das heißt, im Grunde spielten die Berliner Eliteschüler gegen die 2003er Jugendnationalmannschaft Ägyptens. Wie stark deren Auswahlmannschaft einzuschätzen ist, kann man mit Blick auf die jüngere Geschichte der Herrennationalmannschaft erahnen. Ägypten ist amtierender Afrikameister und hat bei den Olympischen Spielen in Tokio als Vierter nur knapp eine Medaille verpasst. Die Spielstärke der Afrikaner bekam bei Olympia auch die deutsche Mannschaft zu spüren, die im Viertelfinale mit 26:31 unterlag. Das erste Duell der Nachwuchsmannschaften bei der Schul-WM endete nach hartem Kampf 23:23 Unentschieden.

Für Berlin folgten im Anschluss zwei leichtere Aufgaben. Nach Kantersiegen gegen Bulgarien im zweiten Gruppenspiel und Polen im Viertelfinale hieß der Gegner im Halbfinale erneut Ägypten. „Und da muss man einfach sagen“, erzählt Hanning, „haben wir aus der Analyse heraus die deutlich besseren Schlüsse gezogen. Wir haben aus dem Auftaktspiel gelernt und gegen heißblütige Ägypter richtig gut gespielt. Es war das vorgezogene Endspiel, das wir mit 25:17 für uns entscheiden konnten.“

Im Finale traf die deutsche Mannschaft auf eine dänische Schule, die mit einem jüngeren Jahrgang angereist war. „Großen Respekt, dass sie sich bis ins Finale vorgespielt haben. Aber man hat bei unserem Team richtig gemerkt, dass sie sich den Titel nicht mehr nehmen lassen. Sie waren sich ihrer Sache sehr sicher. Das hat man schon beim Mittagessen gespürt und so kam es dann auch“, schildert der Erfolgscoach seine Eindrücke vom Finaltag. Das deutliche Ergebnis im Spiel um Gold bestätigte diese Beobachtung dann eindrucksvoll: Mit 31:14 gewann Berlin gegen überforderte Dänen den WM-Titel. Das Fazit des Trainers, der mit seinen Auswahlteams nun bei fünf aufeinanderfolgenden WM-Teilnahmen je zweimal Gold und Silber sowie einmal Bronze gewonnen hat, lautet:  Es war ein super Turnier mit einer wirklich tollen Leistung der Mannschaft, die manches Mal über sich hinausgewachsen ist.“

Leipzig holt bei erster WM-Teilnahme seit 2004 den Titel

Als das Landesgymnasium für Sport Leipzig im Jahr 2004 letztmals im Handball an einer Schulweltmeisterschaft teilnahm und dort den Titel gewann, waren die Spielerinnen der 2021er Mannschaft noch nicht mal geboren oder höchstens ein Jahr alt. Das weiß auch Lehrer Max Berthold, für den es wie für seine Spielerinnen auch die erste WM-Teilnahme war. „Wir hatten ein recht junges Team dabei. Unser Kader war breit aus den Jahrgängen 2003 bis 2005 aufgestellt. Die Mädchen spielen zwar alle beim HC Leipzig, aber in unterschiedlichen Mannschaften. Uns fehlte also eigentlich die Erfahrung. Deshalb kam für uns der Titel völlig unerwartet“, so der Pädagoge. 

Bevor dieser unerwartete Titel Realität wurde, spielte auch seine Mannschaft gegen die Auswahl Ägyptens. Allerdings nicht – wie im Falle Berlins – zu Beginn und im Halbfinale, sondern ganz zum Schluss, im Endspiel. Dort zeigte Bertholds Mannschaft über weite Strecken eine sehr überzeugende Vorstellung. Nach ausgeglichener erster Hälfte, in der Leipzig mit 12:11 in die Kabine ging, dominierte das deutsche Team über weite Strecken die zweite Halbzeit und lag neun Minuten vor dem Ende beim Stand von 23:17 mit sechs Toren vorn. Darauf folgte allerdings die längste Phase ohne eigenen Torerfolg. Der Vorsprung schmolz auf 23:20, bis in der Schlussminute der erlösende 24. Treffer fiel.  Es war der Schlusspunkt der Partie. Wenig später war Leipzig Schulweltmeister.  

Zuvor hatte das Team bereits vier Siege in vier Spielen eingefahren. Allerdings waren zwei sehr knappe dabei. Zum WM-Auftakt traf die deutsche Auswahl auf die rumänische Mannschaft. „Da kam viel Power und Athletik auf uns zu. Beide Mannschaften haben gleich zu Beginn des Turniers ein sehr gutes Spiel abgeliefert,“ so Berthold. Mit einem Tor Vorsprung entschied Leipzig die Partie für sich. Es folgten Siege über Brasilien und Serbien, ehe im Halbfinale abermals Rumänien auf das deutsche Team wartete. Wieder lag am Ende Deutschland mit einem Tor in Front und zog ins Finale ein. Der Rest ist Geschichte. „Wir haben mit mannschaftlicher Geschlossenheit etwas ganz Großes erreicht. Es war der Teamspirit, der uns zum Titel getragen hat“, bilanziert der Trainer, der genauso wie Bob Hanning froh darüber ist, dass seine Mädchen diese Erfahrung machen durften. Eine Selbstverständlichkeit war dies nicht.

„Alle Schülerinnen und Schüler waren zum ersten Mal bei einer Schul-WM. Für sie war das eine wichtige und wertvolle Erfahrung“ (Bob Hanning)

Dass es die richtige Entscheidung war, die Schulteams auf ihre Reise zu schicken, damit sie sich den Traum einer WM-Teilnahme und -medaille erfüllen können, kann indes niemand mit Gewissheit sagen. Aus sportlicher Sicht ist die Frage leicht und mit einem klaren „ja“ zu beantworten. Zumal bei der nächsten Auflage in zwei Jahren alle Berliner und die meisten Leipzigerinnen zu alt sein werden, um eine weitere WM zu spielen, so sich ihre Schulen überhaupt erneut für diese qualifizieren. 

Unter dem Aspekt des Infektionsschutzes ist die Frage hingegen weit schwieriger zu beantworten. Das weiß auch Bob Hanning, der wie seine gesamte Mannschaft vollständig geimpft ist und sich selbst als „Fan von Kontaktbeschränkungen zur Pandemiebekämpfung“ bezeichnet, „wo immer sie sinnvoll sind“, wie er im gestrigen Tagesspiegel vom 7. Dezember 2021 ausführt. Den Sport – auch den Hallensport – sieht er aber nicht als Infektionstreiber und fordert in seinem Gastbeitrag deshalb: „Lasst die Kinder und Jugendlichen Sport treiben. […]  Was dieser Bewegungsmangel, aber auch der Mangel an sozialer Teilhabe mit dieser Generation an Kindern und Jugendlichen macht, daran mag ich gar nicht denken. Es steht nicht weniger als die körperliche und seelische Gesundheit von Millionen Kindern und Jugendlichen auf dem Spiel.“ Diese Sorge teilt auch die Deutsche Schulsportstiftung, die sich seit langem dafür einsetzt, jungen Menschen das Sporttreiben zu ermöglichen, inklusive einer Rückkehr zum Schulsportwettbewerb Jugend trainiert für Olympia & Paralympics.

Ob aber auch einer sportlichen Auslandsreise zuzustimmen ist, bei der nicht gesichert ist, dass die Infektionsschutzmaßnahmen genauso streng ausgelegt werden wie hierzulande, ist eine andere Frage. Eine Antwort darauf fällt wahrlich schwer. Und deshalb hat sie sich auch niemand leicht gemacht.
 

Die Handballmannschaften vom Schul- und Leistungsportzentrum Berlin und Landesgymnasium für Sport Leipzig bejubeln gemeinsam ihre WM-Erfolge bei der ISF Schulweltmeisterschaft im serbischen Belgrad.

Die SLZB-Schüler aus den A- und B-Jugendmannschaften der Jungfüchse feiern zusammen mit dem Betreuerteam den Titel: hintere Reihe von links: Kenji Hövels (Co-Trainer), Carsten Coors (Physiotherapeut), Michl Reichhardt, Finn Scheminski, Tim Grüner, Marvin Siemer, Friedrich Kilias; mittlere Reihe: Moritz Sauter, Max Günther, Florian Billep, Lennard Kull, Benedikt Kühn, Bob Hanning (Trainer); vordere Reihe: Frederik Höhler, Ron Dieffenbacher, Nicholas Schley, Max Beneke

Auch die Mädchen vom Landesgymnasium für Sport Leipzig spielen alle für den gleichen Handballverein: Spielerinnen von der 1. Mannschaft bis zur B-Jugend des HC Leipzig waren am WM-Titel beteiligt. Hinten von links: Swantje Müller, Marlene Berg, Ronja Gühlcke, Tabea Wipper, Isabell Ockernahl, Raschda Bougarn, Kim Lang, Saskia Richter, Klara Bräse; vorne: Leoni Spott, Lara Seidel, Jenny Illge, Lotta Röpcke, Emily Glimm.

Doppelgold bei den Mädchen und Jungen - das gab es noch nie für Deutschland bei den ISF Schulweltmeisterschaften im Handball. Gleichwohl triumphierten beide Sport-Eliteschulen schon in der Vergangenheit beim WM-Turnier: Leipzig zuletzt 2004, Berlin 2014.

Wer sich beide Endspiele mit deutscher Beteiligung noch einmal in voller Länge ansehen will, muss nur auf dieses Bild klicken. Dann geht's zum Livestream auf dem YouTube-Channel der ISF.

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