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Wie sportliche Talententwicklung in Deutschland gelingen kann

Bekanntlich möchte sich Deutschland wieder um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bewerben. Wer sich bewusst macht, dass die Sportlerinnen und Sportler, die in den 2040er-Jahren für Deutschland an den Start gehen werden, derzeit überwiegend im Kita- oder Grundschulalter sind, weiß: Systematische Talenterkennung und Talententwicklung sind der Schlüssel für ein leistungsfähiges Team Deutschland bei potenziellen Heimspielen der Zukunft. Es liegt also nahe, diesem Thema besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Findet auch die Deutsche Schulsportstiftung.

Zur Erinnerung: Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 in München wurde „Jugend trainiert“ zum Zweck der Talentförderung ins Leben gerufen. Bis heute zählt diese Aufgabe zu den zentralen Anliegen des Schulsportwettbewerbs, der die besten Nachwuchskräfte des Landes bei seinen Bundesfinals zusammenführt. Beim zurückliegenden Winterfinale in Schonach bot zudem ein Kamingespräch zum Thema Talentsichtung und -entwicklung eine hochkarätige Plattform für Austausch und Analyse. 

Moderator Kai Gemeinder begrüßte neben einem fachkundigen Publikum vier ausgewiesene Expertinnen und Experten: Mareike Miller (Paralympics-Siegerin im Rollstuhlbasketball, DBS-Athletensprecherin und DOSB-Präsidiumsmitglied), Fabian Rießle (Olympiasieger in der Nordischen Kombination), Dominic Ullrich (Lehrertrainer, Vorsitzender der Deutschen Leichtathletik-Jugend und Vorstandsmitglied der Deutschen Schulsportstiftung) sowie Ronny Fudel (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft mit Schwerpunkt Nachwuchsleistungssport). Die Zuhörerschaft setzte sich aus Mitgliedern der beiden Kommissionen der Deutschen Schulsportstiftung – der Kommission Schulsport sowie der Kommission der Spitzenverbände – zusammen, die nahezu vollständig vertreten waren.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, wie Kinder und Jugendliche für Sport begeistert, Talente erkannt, entwickelt und langfristig im System gehalten werden können. Dabei wurde deutlich, dass frühe Zugänge zum Sport eine entscheidende Rolle spielen. Sowohl Mareike Miller als auch Fabian Rießle berichteten, dass familiäre Einflüsse – in ihren Fällen ältere Brüder – den Einstieg geebnet haben. Gleichzeitig unterstrichen beide, wie wichtig vielfältige Angebote und Berührungspunkte sind: Nur wenn Kinder Sport erleben können, lassen sich Begeisterung und Bindung entwickeln.

Motivlagen von Kindern berücksichtigen und Dropout-Risiko senken

Rießle hob hervor, dass neben dem sportlichen Talent vor allem „ein stabiles Umfeld mit einer coolen Trainingsgruppe“ und der Spaß am Sport entscheidend seien. Diese Einschätzung deckt sich mit der Forderung von Dominic Ullrich, der betonte: „Kinder brauchen Kinder“. Gemeinschaft, Teamfähigkeit und soziale Einbindung seien grundlegende Voraussetzungen. Trainingsangebote müssten stets die unterschiedlichen Motivlagen von Kindern berücksichtigen, damit junge Athletinnen und Athleten im Sport bleiben.

Der Lehrertrainer ergänzte, am Anfang stünden „Begeisterungsfähigkeit“ und „Neugier“, später kämen etwa Disziplin, Zielstrebigkeit und die Fähigkeit zum Zeitmanagement hinzu – insbesondere im Spannungsfeld der dualen Karriere. Gerade in der Phase steigender Trainingsumfänge bei gleichzeitiger schulischer Mehrbelastung sei die Dropout-Quote besonders hoch. Hier müsse gezielt und unterstützend gegengesteuert werden.

Ein wesentlicher Grund für den vorzeitigen Ausstieg wurde zudem in der mangelnden Kommunikation zwischen Trainerinnen und Trainern sowie Athletinnen und Athleten identifiziert. Ronny Fudel verwies auf entsprechende Studienergebnisse: Häufig würden Leistungs- und Zukunftsperspektiven zwischen Trainer und Athlet unterschiedlich eingeschätzt. Das führe zu Unzufriedenheit und Dropout. 

Nicht zu früh aussieben, multisportive Ausbildung anstreben und Faktoren wie biologisches Alter und technische Fähigkeiten beachten

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage der Talentauswahl. Einigkeit bestand darin, dass eine zu frühe Selektion problematisch ist. Rießle plädierte dafür, Entwicklungspotenziale länger offen zu halten und nicht vorschnell auszusieben. Auch aus wissenschaftlicher Sicht wurde betont, dass Talente altersgerecht identifiziert und gefördert werden müssen. Fudel verwies darauf, dass insbesondere im Jugendalter Faktoren wie das biologische Alter, technische Fähigkeiten und athletische Grundlagen stärker berücksichtigt werden müssten als kurzfristige Wettkampfergebnisse. Talententwicklung sei als „komplexes Puzzle“ zu verstehen.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung einer breit angelegten, multisportiven Ausbildung hervorgehoben. Ullrich erklärte, dass im Grundschulalter zunächst nicht von Talent, sondern eher von Eignung gesprochen werden sollte. Ziel sei es, durch vielfältige Bewegungsangebote eine umfassende motorische Grundlage zu schaffen. Diese Perspektive deckt sich mit den Erkenntnissen der Forschung, etwa von Arne Güllich, der die Vorteile einer vielseitigen sportlichen Entwicklung gegenüber früher Spezialisierung herausgestellt hat. Konkret sagt Sportwissenschaftler Güllich im Zusammenhang mit einer vielbeachteten Studie aus dem Jahr 2025: „Man muss nicht in jungem Alter schon spitze sein, um im Erwachsenenalter spitze zu werden. Die meisten waren es nicht."

„Leistung braucht Chancen und Chancen brauchen Strukturen“

Auch die strukturellen Rahmenbedingungen wurden kritisch beleuchtet. Mareike Miller machte deutlich, dass sportliche Entwicklung ohne entsprechende Unterstützung kaum möglich sei. Neben qualifizierten Trainerinnen und Trainern brauche es vor allem verlässliche Strukturen und Fördermöglichkeiten: „Leistung braucht Chancen und Chancen brauchen Strukturen“. Dazu gehören sowohl finanzielle Hilfen als auch organisatorische Unterstützung im Trainings- und Wettkampfalltag.

Welche Rolle bei alldem der Schulsportwettbewerb „Jugend trainiert“ spielt, wurde ebenfalls hervorgehoben. Er fungiert als wichtige Bühne, auf der sich junge Talente in einem anderen Umfeld präsentieren und weiterentwickeln können. Gleichzeitig ermutigt der Schulsportwettbewerb dazu, neue Sportarten auszuprobieren und bislang verborgenes Talent freizulegen. Zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit belegen, welche Bedeutung der Wettbewerb für sportliche Karrieren haben kann. Genannt wurden im wintersportlichen Kontext Jan Stölben (Skilanglauf) und Johanna Recktenwald (Para Ski nordisch), die über „Jugend trainiert“ den Weg in ihre Sportart gefunden haben und inzwischen zur Weltspitze in ihren Disziplinen gehören.

Kooperation von Schule und organisiertem Sport ist essenziell – nicht nur, aber auch bei „Jugend trainiert“

Weil alle Kinder über die Schule erreichbar seien, so Ullrich, seien Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen sowie Verbänden essenziell für die Talentsichtung und -entwicklung. Jugend trainiert für Olympia & Paralympics leistet hier als Brückenbauer einen wichtigen Beitrag. Zudem zeigten weitere Programme in einzelnen Bundesländern bereits, wie durch gezielte Investitionen nachhaltige Strukturen aufgebaut werden können.

Das Kamingespräch verdeutlichte eindrucksvoll, dass erfolgreiche Talentförderung ein vielschichtiger Prozess ist. Sie erfordert Begeisterung, ein unterstützendes Umfeld, wissenschaftlich fundierte Konzepte und vor allem tragfähige Strukturen sowie die konstruktive Zusammenarbeit der beteiligten Akteure aus Sport und Politik. 

Die anwesenden Kommissionen nahmen zahlreiche Impulse mit – und vertieften die Diskussion bereits am Folgetag in einem weiteren Treffen, um sich über konkrete Maßnahmen für die zukünftige Talentförderung auszutauschen. 

red

Ronny Fudel, Dominic Ullrich, Mareike Miller und Fabian Rießle diskutierten in einem Kamingespräch im Rahmen des "Jugend trainiert"-Winterfinales 2026 in Schonach mit Moderator Kai Gemeinder über das Thema Talenterkennung und Talententwicklung. © DSSS/sampics

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