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„ICH BIN STOLZ AUF DAS, WAS WIR ERREICHT HABEN“

20.03.2021

Elf Jahre lang war Lars Pickardt ehrenamtlich bei der Deutschen Behindertensportjugend (DBSJ) tätig, seit 2013 als ihr Vorsitzender. Seine Zeit im Verband ist eng verknüpft mit der Erfolgsgeschichte von Jugend trainiert für Paralympics, die ebenfalls 2010 begann. Bei der heutigen Vollversammlung der DBSJ nahm Lars Pickardt Abschied, so wie er es lange zuvor angekündigt hatte. Der 49-Jährige ist gradlinig, verlässlich, manchmal auch unbequem. Aber vor allem ist er eins: ein unermüdlicher Kämpfer für die Belange des Behindertensports. Das wird er auch nach seinem Ausscheiden als Vorsitzender der DBSJ und Präsidiumsmitglied des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) bleiben. In welcher Funktion wird sich zeigen.
Kai Gemeinder hat sich zum Abschied mit ihm unterhalten. 

Lars, wieso ist für dich nach acht Jahren als Vorsitzender der DBSJ Schluss?

Weil es an der Zeit ist. Mein Vorgänger war 70, als er aufhörte, ich stehe kurz vor der 50 und Katja Kliewer, die jetzt als neue Vorsitzende gewählt wurde, übernimmt mit 32. Diese Entwicklung finde ich gut. Für mich war von Anfang an klar, dass ich maximal für zwei Amtszeiten Vorsitzender bleiben würde, weil ich mit 50 keiner Jugendorganisation mehr vorstehen will. Der Verband wusste das und war darauf vorbereitet. Ich freue mich, dass mit Katja eine toughe, junge Frau jetzt das Ruder übernimmt. Aber nicht nur sie wird frischen Wind in die DBSJ hineinbringen. Wir haben in den letzten vier Jahren ein Juniorteam etabliert, dem etwa zehn junge Menschen angehörten, die, ohne gleich ein Amt zu übernehmen, in die Verbandsarbeit hineinschnuppern und sich projektbezogen einbringen konnten. Auch aus dieser Gruppe wurden heute zwei Personen in den neuen Vorstand gewählt, die nun Verantwortung übernehmen. Es steht der DBSJ gut, junge Leute erst an die Hand zu nehmen und dann auch gestalten zu lassen.

Mit welchen Gefühlen scheidest du heute als Vorsitzender der DBSJ und aus dem Präsidium des DBS aus?

Mit positiven. Es war eine gute Zeit, die Spaß gemacht hat und in der wir einiges bewegen konnten. Mein Vorgänger Norbert Fleischmann war über Jahrzehnte in der DBSJ, hat den Verband mit aufgebaut und entsprechend große Fußstapfen hinterlassen. Manche dachten, diese könnten schwer zu füllen sein. Ich denke, das ist mir und meinem Team gut gelungen. Wir haben immer versucht, die Kinder und Vereine in den Mittelpunkt zu stellen. Und wenn ich an „Jugend trainiert“ denke und daran, was wir seit 2010 mit der Deutschen Schulsportstiftung zusammen hingekriegt haben, muss ich sagen: Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben.

Dann lass uns auf die Entwicklung zurückblicken. 2010 fiel bei Jugend trainiert für Paralympics mit einer Pilotveranstaltung der Startschuss. Wenn wir uns den Schulsportwettbewerb als ein 100m-Rennen vorstellen mit dem Ziel „Inklusion“: Wo auf der Strecke befindet sich „Jugend trainiert“ aktuell? 

In der Form, wie wir Inklusion in der Deutschen Schulsportstiftung definiert haben – als ein gemeinsamer Wettbewerb, der zur selben Zeit am selben Ort in getrennter Wertung stattfindet –, sind wir vielleicht schon bei 90 Metern. Die vormals eigenständigen Formate Jugend trainiert für Olympia und Jugend trainiert für Paralympics sind in den letzten Jahren immer stärker miteinander verschmolzen und firmieren mittlerweile unter einem gemeinsamen Logo und der Wortmarke Jugend trainiert für Olympia & Paralympics, oder kurz: „Jugend trainiert“. Die neue Namensgebung wurde 2018 in einer Vereinbarung zwischen Stiftung und Verband beschlossen und in kürzester Zeit umgesetzt. 

Und was ist mit den fehlenden zehn Metern?

Das sind wie in jedem Rennen die schwierigsten. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir den inklusiv beschulten Kindern und Jugendlichen mit Behinderung die Teilnahme an „Jugend trainiert“ ermöglichen können. Erst wenn die Möglichkeit der Teilhabe für alle besteht, sind wir am Ziel. Wenn jemand wie Markus Rehm heute Schüler wäre, hätte er bei all seinem Talent kaum eine Chance, am Wettbewerb teilzunehmen. Mit seiner Beinamputation ging er auf eine ganz normale Regelschule und neben ihm gab es vielleicht keine anderen Schüler mit Behinderung oder zumindest zu wenige, um eine Mannschaft für den Wettbewerb zu melden. Wir müssen Wege finden, wie wir junge Menschen in ähnlicher Situation abholen können, sofern sie das wollen.

Vereinzelt gelingt es schon, dass solche Schülerinnen und Schüler ein Startrecht an einer nahegelegenen Förderschule bekommen, um deren Team zu verstärken. Das reicht nicht?

Das ist ein Anfang. Voraussetzung ist aber, dass wir auf diese Kinder und Jugendlichen aufmerksam werden oder ihnen von Schulseite eine solche Möglichkeit aufgezeigt wird. Das wird umso besser gelingen, je stärker wir die Kooperation zwischen Schulen, Vereinen und Verbänden ausbauen. So sieht es die schon angesprochene Vereinbarung von 2018 auch vor. Hier gibt es noch viel Potenzial. Darüber hinaus denke ich aber auch an Startgemeinschaften, so wie es beispielsweise in Berlin das SLZB und die Carl-von-Linné-Schule im Para Schwimmen vormachen. Auch ein Modell wie im Skispringen, wo Regionalteams gegeneinander antreten, wäre aus meiner Sicht denkbar. 

Neben Inklusion ist ein weiteres Ziel von „Jugend trainiert“, Talente zu sichten und zu fördern. In der langen Historie des Wettbewerbs ist vielen der Sprung von „Jugend trainiert“ zu Olympia gelungen. Dirk Nowitzki, Britta Steffen, Robert Harting und Natascha Keller sind prominente Beispiele und die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Der Beachvolleyballer Jonas Reckermann sagt, ohne den Wettbewerb wäre er wahrscheinlich nie Volleyballer, geschweige denn Olympiasieger geworden. Andere Sportstars äußern sich ähnlich. Wann ist mit einer derartigen Entwicklung im paralympischen Bereich zu rechnen?

Ein paar „Jugend trainiert“-Teilnehmer gingen bereits 2016 bei den Paralympics in Rio de Janeiro an den Start, wobei sie bereits Kaderathleten waren, als sie am Schulsportwettbewerb teilnahmen. Gesichtet wurden sie bei „Jugend trainiert“ also nicht, doch ganz sicher hat das Bundesfinale ihnen einen Motivationsschub gegeben, der sich ausgezahlt hat. Mit Johanna Recktenwald haben wir aber auch eine Sportlerin aus der Kategorie „Jonas Reckermann“ hervorgebracht. 2016 stand sie als 14-jährige Schülerin bei „Jugend trainiert“ zum ersten Mal in ihrem Leben auf Langlaufskiern und wurde beim Winterfinale als außergewöhnliches Talent von Bundesnachwuchstrainer Michael Huhn entdeckt. Drei Jahre später gewann sie bei ihrem WM-Debüt im Para Biathlon Bronze und ist seitdem fester Bestandteil des Weltcupteams. Sie hat gute Chancen, bei den Paralympischen Winterspielen in Peking 2022 dabei zu sein und um Medaillen zu kämpfen. 

Ein Schlüssel ist demnach auch, dass sich Kadertrainerinnen und -trainer die Wettbewerbe anschauen.

Absolut. Mir war immer wichtig, dass unsere eigenen Leute im Dachverband für den Wettbewerb brennen und das auch leben. Damit leisten sie Überzeugungsarbeit, die in die Strukturen der einzelnen Para Sportarten hineinwirkt. Mit Erfolg: Bundestrainerinnen und -trainer kommen zu den Bundesfinals und schauen sich die Talente dort an. Sie nehmen den Schulsportwettbewerb wahr, der mittlerweile in unseren Leistungssportstrukturen verankert ist. Es geht aber nicht nur um den leistungssportlichen Aspekt. Wir müssen die Strahlkraft des Leuchtturms „Bundesfinale“ nutzen, um den Wettbewerb für die Landesverbände attraktiver zu machen. Dort muss die Kooperation zwischen Schule und Verein in Zusammenarbeit mit den Ministerien weiter gestärkt werden, damit mehr Angebote geschaffen werden, mit denen wir den Nachwuchs abholen können.  

Die neue Plattform www.parasport.de wird sicher dabei helfen, Kinder und Jugendliche mit Behinderung an den Sport heranzuführen.

Das hoffen wir. Es gibt immer noch sehr viel Unwissen über Para Sport oder Behindertensport. Wie und wo findet der statt? Mit welcher Behinderung kann ich welche Sportart ausüben? Die Plattform liefert Antworten und soll in ihrer modernen Aufmachung für den Para Sport begeistern. Jetzt gilt es, mit guten Ideen und Kampagnen dieses Tool auch für möglichst viele Menschen sichtbar zu machen. Übrigens auch für jene ohne Behinderung. Viele sind nach wie vor unsicher im Umgang mit Menschen, die ein Handicap haben. Hier liegt gesellschaftlich gesehen noch viel Aufklärungsarbeit vor uns. „Jugend trainiert“ leistet in der Hinsicht einen wertvollen, praktischen Beitrag, weil sich Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung begegnen, kennenlernen und austauschen. 

Gut zehn Jahre Jugend trainiert für Paralympics liegen hinter uns. Wo siehst du den Wettbewerb in zehn Jahren?

Ich glaube, dass unsere Bundestrainerinnen und -trainer den Wettbewerb noch stärker für sich nutzen werden. Und ich denke, es wird auch gelingen, immer mehr Landesverbände zu motivieren, regional Veranstaltungen anzubieten, um den Wettbewerb im Para-Bereich auf eine immer breitere Basis zu stellen und die Zahl der Teilnehmenden weiter zu erhöhen. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass diese Veranstaltungen auch auf Landesebene verstärkt inklusiven Charakter haben werden. Was beim Bundesfinale schon gilt, also olympische und paralympische Sportarten zur selben Zeit am selben Ort in getrennter Wertung, werden wir auch auf den unteren Ebenen immer häufiger sehen. Der Wettbewerb wird weiter wachsen und sich entwickeln. Damit das möglich ist, müssen die Verantwortungsträger aber unbedingt für Stabilität in den Finanzen sorgen. Da gab es in den vergangenen Jahren manche Turbulenzen. Wichtig ist es, dass die finanzielle Förderung von Bund und Ländern erhalten bleibt und starke Partner aus der Wirtschaft den Wettbewerb unterstützen. Die gerade geschlossene Premium Partnerschaft mit der Allianz ist hierfür ein starkes Signal und ein wichtiger Schritt, auf den weitere folgen müssen.

Werden wir dich auch künftig bei Bundesfinalveranstaltungen sehen, wenn diese endlich wieder stattfinden können? 

Ganz bestimmt werde ich das ein oder andere Bundesfinale besuchen, schon allein, um die Menschen wiederzusehen, mit denen ich in den letzten Jahren so intensiv zusammengearbeitet habe und von denen ich mich aufgrund der Corona-Pandemie nicht persönlich verabschieden konnte. Aber ich werde als Lars kommen und mich im Hintergrund halten. Für inhaltliche Fragen und Gespräche ist jetzt die neue Vorsitzende zuständig. Katja und ihrem Vorstandsteam wünsche ich für die nächsten Jahre viel Erfolg und Freude bei der Arbeit. 

Lieber Lars, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für deine weitere Zukunft.

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