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„Ich möchte als Mensch Vorbild sein, nicht als Sportler“

Von „Jugend trainiert“ zu Olympia. Im zweiten Teil unserer Serie beschäftigen wir uns mit Stephan Hocke, der 2002 als 18-jähriger Schüler des Sportgymnasiums Oberhof Team-Olympiasieger im Skispringen wurde. Zugegeben: In seinem Fall war es kein direkter Weg von „Jugend trainiert“ zu Olympia. Skisprung zählt schließlich erst seit 2014 zum Programm des Schulsportwettbewerbs. Vielmehr hat der gebürtige Thüringer zwei Pfade eingeschlagen: den des Skispringers und den des Basketballspielers. Der zweite Pfad führte Stephan Hocke zu „Jugend trainiert“ und bringt ihn möglicherweise auch wieder dorthin zurück. Dies ist seine Geschichte.

Von Kai Gemeinder

Geboren ist Stephan Hocke in Suhl, am Südhang des Thüringer Waldes. Wer in dieser Region aufwächst und sportlich aktiv ist, landet fast unweigerlich früher oder später in einem Schlitten oder auf Skiern. Da Stephans Vater als Trainer in der Nordischen Kombination arbeitete, wurden es Bretter statt Kufen – und das bereits im Kindergartenalter.

Stephan Hocke, der bodenständige Skispringer

Ab der fünften Jahrgangsstufe besuchte Stephan als Nachwuchstalent das Sportgymnasium Oberhof und konzentrierte sich bald darauf leistungssportlich aufs Skispringen. Als Schüler der zwölften Klasse trat Stephan Hocke kurz nach seinem 18. Geburtstag erstmals im Weltcup an. Dann ging alles ganz schnell. Zum Saisonauftakt der Saison 2001/2002 in Kuopio landete er prompt auf den Rängen fünf und sieben. Am zweiten Weltcupwochenende sprang er in Titisee-Neustadt gar aufs Podest und nur eine Woche später gewann der unbekümmerte Rookie das Weltcupspringen in Engelberg. Bei der Vierschanzentournee belegte Hocke im Gesamtklassement Platz zehn und als wäre das noch nicht genug, wurde er an der Seite von Martin Schmitt, Sven Hannawald und Michael Uhrmann bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City Olympiasieger im Teamwettbewerb. 

Im Schatten der Superstars Schmitt (er war als amtierender Weltmeister zu den Spielen gereist) und Hannawald (ihm war kurz zuvor bei der Vierschanzentournee als erstem Athleten überhaupt das Kunststück gelungen, alle vier Einzelspringen zu gewinnen) legte der 18-jährige Hocke eine Premierensaison wie im Bilderbuch hin.

Ihm selbst sei das damals gar nicht so besonders vorgekommen. An der Schule sei schon ein gewisser Hype entstanden, gibt er auf Nachfrage zu. „Aber erstens ist man am Sportgymnasium Erfolge durchaus gewöhnt und zweitens war ich ja immer noch ich und bin als der gleiche Mensch von den Spielen zurückgekehrt.“  

Auf die fantastische erste Weltcupsaison folgte eine schwächere zweite. Auch darin sieht Hocke nichts Besonderes. „Als junger Sportler geht man relativ unbefangen an die Sache ran. Es ist ein häufiges Phänomen, dass man in der ersten Saison noch sehr locker und ohne große Erwartungen startet. Und wenn es dann plötzlich läuft, kommt man in einen Flow. Deshalb ist eine gute erste Saison vielleicht einfacher, als diese danach zu wiederholen.“

Stephan Hocke, der Weg vom Abiturient zum Lehrer
 

An der Doppelbelastung zwischen Spitzensportkarriere und anstehendem Abitur habe es jedenfalls nicht gelegen – obwohl beides wahrlich nicht leicht in Einklang zu bringen ist. Das Sportgymnasium habe ihm und seinem gleichaltrigen Mannschaftskollegen Jörg Ritzerfeld mit Zwei-Mann-Unterricht und vielem mehr damals sehr geholfen.

Stephan Hocke erinnert sich: „Zwischen November und März fand an jedem Wochenende ein Wettbewerb statt. Auch in meiner zweiten Weltcupsaison war ich von Donnerstag bis Sonntag unterwegs und ab Montag wieder in der Schule. Ich weiß noch, dass Geschichtsunterricht nur freitags stattfand und als ich aus der Saison wiedergekommen bin, waren wir plötzlich in Geschichte schon 200 Jahre vorangeschritten. Da sieht man dann, wie schnell die Zeit verfliegt.“ Die 200 Jahre hat Stephan Hocke wieder aufgeholt, Geschichte im Abitur sogar als mündliche Prüfung abgelegt und 14 Punkte – also eine glatte eins – erhalten. 

Knapp zehn Jahre später beendete Stephan Hocke im Dezember 2012 seine Skisprungkarriere. An die frühen Erfolge konnte er nie mehr anknüpfen, dennoch blickt er zufrieden auf seine Zeit als Spitzensportler zurück. „Es ist ein Privileg, sein Hobby zum Beruf machen zu dürfen“, sagt er. „Gerade wenn es mal nicht so gut läuft, muss man sich das klarmachen. Ich habe über die Jahre viel mitgenommen, viel gelernt; gerade auch in den schwächeren Phasen. Ich kann deshalb jedem, der die Möglichkeit dazu hat, nur empfehlen, eine Spitzensportkarriere anzustreben.“ 

Und weil er sich nach eigener Aussage ein Leben ohne Sport nicht vorstellen kann, hat er zwischenzeitlich in Jena Sport und Biologie auf Lehramt studiert und ist als Referendar an seine alte Schule zurückgekehrt. „Dem Sportgymnasium Oberhof habe ich so viel zu verdanken, jetzt möchte ich gerne etwas zurückgeben und am liebsten dauerhaft an der Sportschule als Lehrer arbeiten.“ Dort könnte sich womöglich ein Kreis schließen – einer, der eng mit „Jugend trainiert“ verbunden ist. Es ist der zweite Teil der Geschichte, die man über Stephan Hockes sportlichen Werdegang erzählen kann.

Stephan Hocke, der Weiten- und Korbjäger

Nach dem Mauerfall war der bekannte Trainer und Anti-Doping-Kämpfer Henner Misersky (hier geht es zu einem lesenswerten Artikel) am Sportgymnasium Oberhof Sportlehrer für Skilanglauf. Neben dem Wintersport galt seine Leidenschaft zu jener Zeit dem Basketball. Deshalb nahm er als Lehrer mit Schulteams an den Wettbewerben von Jugend trainiert für Olympia teil.  Ab der sechsten Klasse war auch Stephan Hocke dabei; es war die Blütezeit der Chicago Bulls und eines gewissen Michael Jordan in der NBA. Ihn und einige weitere Größen des US-Basketballs benennt Stephan Hocke als seine damaligen Idole. Auch ihn hatte die Basketball-Leidenschaft gepackt. An „Jugend trainiert“ erinnert er sich daher sehr gerne zurück.

„Einmal haben wir es immerhin bis ins Landesfinale geschafft. Ich fand die Wettbewerbe immer schön. Auf der einen Seite erhöht die Teilnahme nochmal die Bindung zur eigenen Schule und auf der anderen Seite lernt man Schüler von den umliegenden Schulen aus anderen Dörfern und Städten kennen. Das ist schon ein gutes Konzept.“ Das Basketballfieber hat Hocke und viele seiner Mitschüler nicht mehr losgelassen. „Zu Abi-Zeiten haben wir nochmal ein Spiel gegen eine Suhler Mannschaft organisiert und auch heute noch spielen einige meiner damaligen Mitschüler in ihrer Freizeit Basketball. Genauso wie ich selbst.“

Hocke ist beim Sportverein TU Ilmenau im Basketball aktiv und unterstützt dort mittlerweile auch das Einsteiger-Training der unter 16-jährigen. Dass sie von einem ehemaligen Olympiasieger trainiert werden, wissen die Kinder und Jugendlichen nicht. „Ich habe es ihnen nicht erzählt, weil es für sie als Basketballer ja nicht so interessant ist,“ meint Hocke. Auf den Einwand, dass es ihn vielleicht dennoch in seiner wichtigen Rolle als Vorbild stärken könnte, wenn der Nachwuchs von den früheren Erfolgen wüsste, entgegnet er: „In erster Linie ist wichtig, was ich vermittle und wie ich es vermittle. Ich will so wie ich bin als Vorbild agieren, und nicht wegen dem was war. Also als Mensch, nicht als Sportler.“ Es ist eindeutig: Die Bescheidenheit, die ihn als 18-jährigen nicht hat abheben lassen, zeichnet auch den 37-jährigen Stephan Hocke heute noch aus. 

Auf jeden Fall könne er sich gut vorstellen, eines Tages wieder als Lehrer in der ein oder anderen Disziplin an Jugend trainiert für Olympia & Paralympics teilzunehmen – vielleicht auch im Basketball. Wenn es so käme, würde sich ein Kreis schließen. Und es würde sich ein Stück weit die Geschichte seines früheren Lehrers Henner Misersky wiederholen. 

Auszuschließen ist aber auch nicht, dass Hocke in Zukunft junge Skisprungtalente zum Wettbewerb begleitet. Das Regionalteam Inselsberg aus Thüringen ist schließlich Dauergast beim Winterfinale von Jugend trainiert für Olympia & Paralympics.  Als ehrenamtlicher Sportwart im thüringischen Skiverband war er bereits bei den regionalen Skisprung-Wettbewerben auf Grundschulebene im Einsatz und findet es gut, dass die Sportart mittlerweile ins Wettkampfprogramm von „Jugend trainiert“ aufgenommen wurde. Gleichsam hofft er, dass an den Schulen mehr Kindern der Zugang zum Skispringen ermöglicht wird.  

„Wünschenswert wäre es, wenn an den Schulen mehr Kinder als bisher animiert werden, Skispringen auszuprobieren. Sicher könnte man mit den Viert- oder Fünftklässlern, dort wo es möglich ist, raus in den Wald gehen und kleine Schanzen bauen, um bei den Kids ein Gefühl fürs Skispringen zu entwickeln. Ich bin sicher, dass viele Spaß daran hätten und aus eigenem Antrieb auch mal um die Wette springen wollen würden.“  

Im Gespräch mit ihm wird deutlich: Seinen beiden sportlichen Leidenschaften Skispringen und Basketball wird Stephan Hocke treu bleiben. Genauso, wie sich selbst. Und dank seiner Tätigkeiten als Trainer und Lehrer wird er jungen Menschen auch weiterhin als Vorbild dienen. Ganz gleich, ob sie um seine einstigen Erfolge wissen oder nicht. 

Stephan Hockes Interesse am Basketball wurde durch seinen Lehrer Henner Misersky früh geweckt. Heute trainiert Hocke zusammen mit Henry Steinborn Kinder und Jugendliche im Sportverein TU Ilmenau und spielt dort auch selbst Basketball.

Nach den frühen Erfolgen und dem Olympiasieg in seiner ersten Weltcupsaison wechselte Stephan Hocke in den Jahren danach immer wieder zwischen Weltcupeinsätzen und Starts im Continental Cup. Das Bild zeigt Hocke bei seinem Sieg im B-Weltcup in Sapporo 2007.

Das Fluggefühl vermisse er schon manchmal, gibt Stephan Hocke zu. Besonders, wenn er den Skispringern beim Wettkampf zusehe. Mit dem Start der Nordischen Ski WM in Oberstdorf dürften Hocke ein paar solcher Momente bevorstehen. Wenn auch nur am Fernseher. Die WM findet vom 23. Februar bis 07. März ohne Zuschauer statt. © alle Bilder: Stephan Hocke privat

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