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SCHULE, SPORT UND WISSENSCHAFT

PROF. DR. FILIP MESS
Professor für Sport- und Gesundheitsdidaktik
Technische Universität München

„DIE BEWEISLAGE IST ERDRÜCKEND“

Prof. Dr. Filip Mess forscht und doziert als Sport- und Gesundheitsdidaktiker an der TU München. Ein Ziel seiner Forschung ist es, Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, in ihren Lebenswelten zu einer aktiven, gesunden und nachhaltigen Lebensweise zu befähigen. Filip Mess ist Mitglied einer Expertenrunde, die im vergangenen Jahr gegründet wurde, um der Deutschen Schulsportstiftung beratend zur Seite zu stehen und dem Aktionstag „Jugend trainiert“ – gemeinsam bewegen zum Erfolg zu verhelfen. Der 44-Jährige ist passionierter Läufer, spielt in seiner Freizeit aber auch Tennis und Basketball. Im Winter zieht es ihn regelmäßig zum Wintersport in die Berge. Im Interview mit Kai Gemeinder erklärt der Experte, weshalb Sport und Bewegung für die Entwicklung junger Menschen von großer Bedeutung sind.

Prof. Mess, welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht der Schulsport im deutschen Bildungssystem?

Das ist eine heikle Frage. Ich finde, der Schulsport hat es nicht leicht. Zum einen soll der Sportunterricht für gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen wie zum Beispiel Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen oder Aufmerksamkeitsdefizite Verbesserungen herbeiführen und Lösungen finden. Das ist die Erwartungshaltung, die sozusagen die Gesellschaft an den Sport hat. Im Fächerkanon mit Deutsch, Mathematik, Sprachen usw. hat der Schulsport aber einen geringen Stellenwert. Wenn es um Kürzungen geht, hat der Sportunterricht eine sehr schwache Lobby und wird immer wieder zur Diskussion gestellt. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns: einerseits gesellschaftliche Ansprüche, die an den Sport gestellt werden, andererseits eine geringe Wertschätzung im Bildungssystem.

Woran liegt es denn, dass der Schulsport in den Kultusministerien so eine schwache Lobby hat? 

Das hat verschiedene Ursachen. Die Sportpädagogik und -didaktik hat, von den 1980er Jahren ausgehend, über Jahre verpasst, einen klaren didaktischen Kern zu formulieren. Da sind wir mittlerweile zum Glück weiter.
Trotzdem gilt nach wie vor, dass die Interessenvertreter und Fürsprecher des Sports in der Politik zu wenige sind und auch nicht gehört werden. Mein Kollege Ansgar Thiel, der Sportsoziologe an der Uni Tübingen ist, hat das vor einigen Wochen in einem Beitrag folgendermaßen beschrieben: Viele Politikerinnen und Politiker sind Vorstände in diversen Vereinen und Verbänden und bei Sportevents oft an vorderster Stelle, am besten im VIP-Bereich, zu sehen. Aber wenn es darum geht, sich für ihren Sport einzusetzen, dann passiert relativ wenig. Das ist ein bisschen die Krux. In der Gesellschaft zeigt sich ein ähnliches Bild. Der Zuschauersport erfreut sich großer Beliebtheit, aber das eigene aktive Sporttreiben hinkt da im Vergleich hinterher. Viel zu wenige Erwachsene erfüllen beispielsweise die Aktivitätsempfehlungen der WHO. Ich glaube, dass die Interessenvertreter des Sports auf allen Ebenen zu schwach aufgestellt sind. Leider.
Und ganz selbstkritisch an uns, die Sportwissenschaft, gerichtet: Wir verpassen es vielleicht auch, unsere Studien, die über die positiven Effekte des Sports im physischen, aber auch psycho-sozialen Bereich berichten, ausreichend gut in die Gesellschaft hinein zu kommunizieren. Wir müssen zeigen, wie wichtig Bewegung und Sport sind – gerade im Kindes- und Jugendalter.

Womit genau befassen sich diese Studien und zu welchen Ergebnissen kommen sie? 

Die positiven Effekte von Sport und Bewegung auf die physische Gesundheit, also die körperliche Leistungsfähigkeit, sprich Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination – in der Alltagssprache kurz „Fitness“ genannt –, sind unzweifelhaft bewiesen.
Es gibt aber auch Studien, die sich mit den Auswirkungen von Sport auf die psycho-soziale Gesundheit auseinandersetzen. Stimmung, Wohlbefinden, die Bewältigung von Ängsten – also emotionale Facetten, die mit der Psyche in Verbindung stehen – werden untersucht. Des Weiteren werden soziale Aspekte wie Gemeinschaft, soziales Miteinander, Fair Play, Inklusion und viele mehr betrachtet. Hier ist die Evidenzlage, also konkret der Nachweis von Effekten, jedoch noch nicht so gut und eindeutig wie bei den Studien zur physischen Gesundheit. Es gibt in diesen Bereichen zwar einige Studien, aber auch noch weiteren Forschungsbedarf.

Auf höchster politischer Ebene werden solche Effekte aber durchaus anerkannt: Im aktuellen Sportbericht der Bundesregierung heißt es einleitend, der Sport habe eine große soziale und integrative Wirkung, leiste unschätzbare Dienste für Gesellschaft und Zusammenhalt und fördere eine gesunde Lebensführung. Deshalb subventioniert der Staat den Sport, indem er Sportvereine finanziell unterstützt, Steuererleichterungen einräumt, Sportinfrastruktur bereitstellt. Aber dort, wo der Staat den Sport selbst gestaltet, nämlich an den Schulen, wird ihm offenbar keine besondere Bedeutung beigemessen. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch? Oder nochmal anders gefragt: Warum wird der Schulsport von den Kultusbehörden nicht in dem Maße wertgeschätzt, wie das bundespolitisch in schönen Worten beschrieben wird? 

Ich vermute, weil Sport als Freizeitaktivität eingestuft wird. All die beschriebenen Funktionen sollen im Freizeitbereich erfüllt werden. Die Vereine sollen das machen. Dafür geben wir ihnen Geld, stellen Infrastruktur zur Verfügung, verzichten auf Steuereinnahmen. Aber im Fächerkanon der Schule spielt der Sport leider nur eine untergeordnete Rolle. Wie gesagt: Er wird von vielen nicht als gleichwertiges Fach im Vergleich zu Deutsch oder Mathematik, den Naturwissenschaften oder den aufkommenden Fächern wie Informatik und Technik angesehen. Die Begründung dafür lautet, dass sich aus den letztgenannten Bereichen nach der Schulzeit Arbeitsplätze generieren. Sie bilden gewissermaßen die Basis für Fortschritt und sind bedeutend für die Wirtschaft. Sport ist da nur nettes, aber verzichtbares Beiwerk und eben Freizeitvergnügen. Doch diese Begründung ist falsch. Der Gesundheitsfaktor wird dabei leider völlig vergessen. Und die Potenziale des Sports bezüglich der kognitiven und akademischen Leistungsfähigkeit auch.

Was Sie andeuten, ist, dass sportlich aktive Informatikerinnen und Ingenieure tendenziell auch leistungsfähiger in ihren Arbeitsbereichen sind? 

Ganz genau. Es gibt wunderbare Studien, aus denen wir wissen: Je früher wir präventiv in Gesundheitsförderung investieren – und dazu gehört eben ein aktiver, bewegungsreicher Lebensstil, genauso wie gesunde, ausgewogene Ernährung –, desto höher ist der „Return on Investment“, weil die Produktivität und Leistungsfähigkeit eines ganzen Landes dadurch gesteigert wird. Eigentlich müssten wir unglaublich viel Geld darin investieren, dass sich Kinder und Jugendliche einen aktiven, sportlichen, bewegungsintensiven Lebensstil aneignen bzw. über die Jugendphase ins Erwachsenenalter möglichst stabil aufrechterhalten. Die hierfür investierten Gelder würden sich zigfach auszahlen durch reduzierte Gesundheitskosten auf der einen Seite und eine leistungsfähigere Gesellschaft auf der anderen Seite. Das ist alles gut untersucht und bekannt.

Inwiefern verbessert Sport die generelle Leistungsfähigkeit bei jungen Menschen? 

Die empirischen Daten hierzu sind eindeutig. Wenn man in der Grundschule die Anzahl der Sportstunden pro Woche erhöht, verbessern sich die Kinder nicht nur im Sport, was naheliegend und begrüßenswert ist, sondern auch in den Kernfächern wie Mathe und Deutsch. Das trifft selbst dann zu, wenn man für die zusätzlichen Sportstunden auf einen Teil des Deutsch- und Matheunterrichts verzichtet. Die Erklärungsursache dafür lautet: Das Lernen findet effizienter statt, etwa durch höhere Konzentration und Aufmerksamkeit bei den Kindern sowie weniger Störungen im Unterricht. Man spricht in dem Zusammenhang von kognitiver Leistungsfähigkeit, die sich durch mehr Bewegung erhöht. Das wiederum führt schlussendlich zu besseren Noten. Es zeigte sich in diesen Studien also ein doppelter Nutzen aus mehr Gesundheit und besseren Noten in den übrigen Fächern.

Das ist wissenschaftlicher Konsens? 

Es gibt einen hervorragenden Review einer Kollegin aus Amsterdam von 2019, der im British Journal of Sports Medicine erschienen ist. Sie hat über 8.000 Einzelstudien durchgearbeitet und letztlich 58 zusammengefasst, in denen es um die Auswirkungen von sportbasierten Interventionen in der Schule auf die kognitive und akademische Leistungsfähigkeit ging. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Dieser sehr aktuelle Review zeigt, dass signifikante Zusammenhänge zwischen Bewegung und Kognition existieren. In 50-60 Prozent der Studien wurde zudem, wie eben beschrieben, nachgewiesen, dass Bewegungsinterventionen in der Schule Verbesserungen in den Noten herbeiführen, also die akademische Leistungsfähigkeit steigern. Das Interessante ist, dass sich vor allem im Fach Mathematik sehr deutliche Effekte zeigten, aber auch beim Verstehen von Literatur. Es gibt Langzeitstudien über drei Jahre hinweg, die das deutlich nachgewiesen haben. Je regelmäßiger und länger Sporteinheiten zusätzlich stattfinden, desto größer sind die Effekte.

Die Mehrzahl der Studien weist also positive Effekte nach. Aber zu welchem Ergebnis kommen die übrigen 40-50 Prozent? 

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die anderen Studien zeigen nämlich keine negativen Effekte. Sie weisen einfach keine statistisch bedeutsamen Effekte nach. Die Beweislage ist mit diesem aktuellen Review von 2019 daher schon sehr erdrückend.

Bei Jugend trainiert für Olympia & Paralympics geht es um Wettkampfsport. Kinder und Jugendliche sollen nicht nur in Bewegung gebracht werden, sondern sich auch miteinander messen, lernen mit Siegen und Niederlagen umzugehen, sich an Regeln zu halten, Willensstärke und Leistungsbereitschaft zu entwickeln und vieles mehr. Pandemiebedingt fehlen solche Wettkampferlebnisse den Heranwachsenden seit einem Jahr, weil auch im Vereinssport kaum Wettbewerbe ausgetragen werden konnten. Welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung junger Menschen? 

Das lässt sich heute noch nicht abschließend beurteilen. Ich halte diesen Umstand aber schon für problematisch. Junge Menschen treiben in der Tat häufig Sport, um sich miteinander zu messen, sei es spielerisch oder auf organisierter Wettbewerbsebene. Darin liegt für viele ein wesentliches Merkmal, warum Sport betrieben wird. Dieses Motiv des Sporttreibens geht in der Pandemie natürlich verloren und damit für einige auch die Motivation, sich überhaupt sportlich zu betätigen. 
Abgesehen davon bietet der kompetitive Sport aber auch wertvollen Erfahrungsraum: dass ich mich mit Regeln auseinandersetzen muss; dass ich mich mit Emotionen – positiven wie Freude und Erfolg oder negativen bei einer Niederlage – auseinandersetzen muss; dass ich eine gewisse Frustrationstoleranz entwickle, wenn ich etwa meine eigenen Ziele nicht erreiche oder gegen andere verliere; dass ich demokratische Strukturen erlerne, Respekt vor einem Schiedsrichter habe oder mich in eine Mannschaft einfüge. Ich könnte viele weitere Aspekte aufzählen. Der Sport hat aus meiner Sicht in all diesen Bereichen enorm viel Bildungspotenzial, insbesondere im sozialen Umgang miteinander. All das geht im Moment natürlich extrem verloren.

Also sollten wir schnellstmöglich wieder zum Sportunterricht zurückkehren? 

Wo Schule stattfindet, sollte auch Sportunterricht stattfinden. Über alle Schulfächer wurde in der Pandemie gesprochen, aber was wurde vergessen? Lösungen oder Unterstützungsleistungen für die Sportlehrkräfte zu entwickeln, wie sie trotz Corona und Sporthallenschließungen und ähnlichem die Schülerinnen und Schüler zu Bewegung animieren und motivieren können. Den Sport hinten runterfallen zu lassen, halte ich für eine falsche politische Entscheidung. Gerade im Grundschulalter. Das soziale Isolieren, nicht mit anderen Kindern gemeinsam aktiv sein zu können, scheint mir gefährlicher zu sein als ein mögliches Infektionsrisiko. Wir dürfen uns nicht von unseren Ängsten leiten lassen, sondern müssen sie mittels guter Konzepte beseitigen. Studien zeigen doch, dass jeder Supermarktbesuch ein höheres Infektionsrisiko darstellt als beispielsweise kontaktloser Sport im Freien. Zumindest dieser sollte unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln erlaubt sein. In der Schule genauso wie in den Sportvereinen und beim selbstorganisierten Sport.

Prof. Mess, vielen Dank für das Gespräch.

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